Deutschland, Deutschland unter anderm.

Hans Magnus Enzensberger: Deutschland, Deutschland unter anderm. Äußerungen zur Politik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967. (suhrkamp taschenbuch, 203)

Umschlag

Der 1967 erschienene Essay–Band von Hans Magnus Enzensberger enthält sieben Aufsätze, eine Rede und einen offenen Brief. Sie sind thematisch locker aneinandergereiht. Neben zwei aus dem Band Politik und Verbrechen übernommenen Essays und zwei Vor– und Nachworten zu herausgegebenen Schriften (Büchner, Las Casas) finden sich zwei wiederabgedruckte Kursbuch–Artikel, Enzensbergers Büchnerpreis–Rede sowie der berühmt gewordene Aufsatz aus dem Londoner Encounter: Am I a German?

Die „deutsche Frage“ steht nicht bei allen versammelten Texten im Mittelpunkt, im einzigen noch ungedruckten Text des Bandes will der Autor von dieser sogar Urlaub nehmen. Der Titel Deutschland, Deutschland unter anderm orientiert sich an der ersten Strophe der Deutschland–Hymne: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“, deren Verse im Dritten Reich als Legitimation zur Unterwerfung nicht–deutscher Gebiete verstanden wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt der Text der Hymne zwar bestehen, es wird aber nur noch die dritte Strophe verwendet. Enzensberger greift nun gegen die Norm die erste Strophe auf. Die Wahl dieses Titels ist eine Provokation, die gleichzeitig Ausgangspunkt seiner Essays ist. Möglicherweise beschreibt der Titel Enzensbergers Sicht auf das Deutschland der Siebziger Jahre. Er nimmt ein Land wahr, das einen Grenz– und Sonderfall darstellt: „Wir gehören zwei Teilen eines Ganzen an, das nicht existiert.“ (S. 15) Der Untertitel Äußerungen zur Politik klingt allgemein und nimmt der Überschrift des Bandes etwas von seinem provokativen Charakter.

Die Rede Darmstadt, am 19. Oktober 1963 hielt Enzensberger anlässlich der Verleihung des Georg–Büchner–Preises. Diesen Anlass weiß Enzensberger zu nutzen, um seine Kritik an der Teilung Deutschlands und der Innenpolitik zu äußern. Über die Mauer als Symbol der Teilung sagt er: „Mit dem Bauwerk ist eine Vergangenheit gewachsen, die sich so wenig wird bewältigen lassen wie jene andere, deren Erbe sie antritt“ (S. 21). Anders als zu erwarten wäre, werden Büchners Werk und seine Person nur kurz gestreift. In einem Brief an den Bundesminister für Verteidigung, Herrn Kai–Uwe von Hassel stellt sich Enzensberger ironisch auf dessen Seite. Genau wie dieser scheint er eine Diskriminierung Deutschlands zu kritisieren. Die Pariser Verträge, die 1954 von den Westmächten aufgesetzt und von der Bundesregierung angenommen wurden, schränkten Deutschland im Bezug auf den Besitz von nuklearen Waffen ein. Enzensberger entwickelt in seinem Brief Ideen, wie diese Beschränkung umgangen werden kann. So schlägt er z.B. vor, das nukleare Gerät in der Republik Südafrika herzustellen, da die Pariser Verträge nur die Herstellung auf deutschem Gebiet untersagen, jedoch nicht den eigentlichen Besitz. Enzensberger erwägt die Möglichkeiten genau, dabei lässt er weder die wirtschaftlichen, noch die politischen oder die wissenschaftlichen Kompetenzen des möglichen Partners aus. Der Text kann als Provokation verstanden werden, insofern er auf mögliche Strategien des Bundesministeriums für Verteidigung hinweist, die Verträge zu umgehen. Der Brief bildet den Kern des Bandes, da er eine umstrittene Thematik aufgreift und Anstoß zu einer Diskussion bietet, die international bedeutsam ist.



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