Büchnerpreisrede

Hans Magnus Enzensberger: Büchnerpreisrede 1963 / Hans Magnus Enzensberger. Mit einem Essay von Friedrich Dieckmann. Hamburg: Europäische Verlags–Anstalt 1992. 86 Seiten.

Der Georg–Büchner–Preis ist einer der bedeutendsten Literaturpreise in Deutschland. Er wurde zum ersten Mal am 11. August 1923 an „bildende Künstler, an Künstler, an hervorragende ausübende Künstler, Schauspieler und Sänger“ überreicht. Am 15. März 1951 wurde der Georg–Büchner–Preis in einen Literaturpreis umgewandelt und der Akademie für Sprache und Dichtung zur Verfügung gestellt. Der wichtigste Paragraph in der Satzung vom 21. März 1958 lautet: „Zur Verleihung können Schriftsteller und Dichter vorgeschlagen werden, die in der deutschen Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben.“1

1963 erhielt Enzensberger den Georg–Büchner–Preis. Seine Rede, im gleichen Jahr bereits als Flugblatt und in Zeitschriften, 1967 im Essayband Deutschland, Deutschland unter anderem gedruckt, wird hier, begleitet von einem 58 Seiten langen Essay Friedrich Dieckmanns, herausgegeben. Enzensberger referierte damals anschaulich über den Zustand Deutschlands vor dem Mauerfall. „Die Rede des Dichters beschreibt die Absurdität des Gegebenen, das er als Bewirktes durchschaut; er tut dies mit einem Anprall von Zorn und Bitternis, die auf Veränderung drängen.“ (S. 41). Dieckmann beschreibt den politischen Hintergrund äußerst detailliert, er verbindet das ‘Einst’ mit dem ‘Jetzt’.

Der erste Teil seines Essays beschreibt die Vereinigung der drei deutschen Westzonen, die damit verbundene Spaltung Deutschlands und somit die Vorgeschichte der endgültigen Teilung Deutschlands. Im zweiten Teil schildert er die Situation Deutschlands ein Jahr nach der Herstellung der „deutschen Staatseinheit“. In Anlehnung an Enzensbergers Rede meint Dieckmann, dass das Wir–Sagen nach der Wiedervereinigung noch schwieriger geworden sei (S. 25). Im Abschnitt „Aporien der revolutionären Identität“ wird ein Text(ausschnitt) aus Enzensbergers Essay „Berliner Gemeinplätze“ vorgestellt. Auch in seiner Rede thematisiert Enzensberger das „WIR“–Gefühl der Deutschen. „Wir nämlich wissen kaum, was das heißen soll: Wir.“ (S. 7) 1963, als die Berliner Mauer stand und Deutschland in zwei Staaten geteilt war, setzte sich Enzensberger mit der Identitätsfrage auseinander: „Mit wem oder womit sind wir identisch?“(S. 12). Anhand dieser Identitätsfrage beleuchtet er die Feindschaft im „geteilten Deutschland“ genauer. Er berichtet über den Bau der Mauer und die Folgen für das deutsche Volk. „Die Mauer trennt nicht nur Deutsche von Deutschen, sie scheidet uns alle von allen anderen Leuten. Sie verbarrikadiert nicht nur eine Stadt, sondern unsere Zukunft. Sie bildet nichts ab als uns selbst: das, was wir noch gemeinsam haben. Das einzige, was wir miteinander teilen, ist die Teilung. Die Zerrissenheit ist unsere Identität.“ (S. ??) Dieckmann schreibt dazu: „Die Aufforderung zur Bewusstseinsprüfung, die von der Betongrenze ausging, ist mit größerer Deutlichkeit, auf größerer Höhe der Sprache und des Gedankens nicht formuliert worden als in Hans Magnus Enzensbergers Büchnerpreisrede. Diese große politische Rede entschlägt sich des Instrumentariums politischer Rhetorik ebenso wie dem der Explikation historischer Zusammenhänge und sozialer Verhältnisse.“ (S. 44)




1http://www.autorenfoto.de/seiten/buechner.html / www.seminarlehrer.de/infos/litpreise/buechner.html