Das Brot und die Schrift

Hans Magnus Enzensberger: Das Brot und die Schrift. St. Gallen: Ottmar o. J. (1993). 14 Seiten. Separatdruck aus der Jahresgabe Hommage für Georg Trump, München 1985. (Auch in: Die Zeit, 22.5.1981) Hommage für Georg Trump. Georg Trump zum 85. Geburtstag. Mit Texten von Hans Magnus Enzensberger, Rudolf Hagelstange, Karl Krolow, Heinz Piontek. Von der Typographischen Gesellschaft München zusammengestellt und herausgegeben von Philipp Luidl und Günter Gerhard Lange. München: o.V. 1981. 71 Seiten. Mit farbigen Bildern von Georg Trump sowie einem außen und innen farbig ill. Umschlag, der dadurch gewendet werden kann.

Einer von Enzensbergers zornigen Kurzessays. Hier beklagt er den Verlust der „Schwarzen Kunst der Schriftgießer, Setzer und Drucker“ (S. 5), der Buchdruckerkunst, die wie jede hochstehende Kunst im Sinne der französischen Enzyklopädisten und auch noch des Bildungsbürgertums des 19. Jahrhunderts starken Einfluß auf die Kultur und die Fortschritte der Menschheit ausgeübt habe. Kernstück des Aufsatzes (S. 9–11) ist eine fulminante Schilderung der umsichgreifenden Zerstörung der „Mannigfaltigkeit und Subtilität“ überlieferter Formen dieser Kunst, der Vernichtung jeder „Rücksicht auf die menschliche Wahrnehmung“. Man habe es bei Drucksachen heute mehr und mehr „mit graphischen Äußerungen von Maschinen zu tun, die keine eigentliche Lektüre mehr erlauben“ (S. 11). Enzensberger parallelisiert diese in ihrer Wucht nicht aufzuhaltende Entwicklung mit dem Verschwinden der traditionellen Backkunst (daher der Titel des Essays) und dem Trend hin zu vollsynthetischen Milcherzeugnissen. Die Kenntnisse, die erforderlich wären, um das „Desaster“ (S. 9) im Bereich der Drucktechnik überhaupt noch beurteilen zu können und ihm nicht einfach nur ausgeliefert zu sein, werden, da die urteilsfähigen Facharbeiter aus den Druckfabriken verschwinden, nur noch in abgespaltenen Marktsegmenten aufbewahrt, in „kleinen, raffinierten Firmen, mit hohem Lohnkostenanteil und hochgezüchtetem Qualitätsbewußtsein“ (S. 13). Diese allein verhinderten noch, „daß das barbarische Kalkül der Abschaffung hundertprozentig aufgeht“. Eine solche „Dialektik des gespaltenen Marktes“ (S. 14) sei freilich aus der Geschichte der Industrialisierung hinlänglich bekannt. Das im Grunde Lebensnotwendige einer den menschlichen Bedürfnissen angemessenen Kunst werde schließlich zum kostspieligen Privileg der „happy few“, die sich so etwas noch leisten können, für den Rest der Gesellschaft aber zur „Chimäre“ (S. 15).