blindenschrift

Hans Magnus Enzensberger: blindenschrift. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1964.

Umschlag

Es wird dem dritten Gedichtband Enzensbergers erstmalig keine „Gebrauchsanweisung“ beigefügt, die Erläuterungen zum poetisch-politischen Hintersinn enthält. Nur zwei Seiten mit Worterklärungen finden sich am Ende des Buches. Umfang und eine Einteilung in vier Abschnitte (camera obscura, blindenschrift, leuchtfeuer, schattenwerk) weisen hingegen auf eine kontinuierliche Fortführung der vorangegangenen Lyrikbände hin, wobei das Buch drei Widmungen enthält (für Günter Eich, Nelly Sachs, Theodor W. Adorno).

Der provokant-zornige Schreibstil der Vorgängerwerke wird in blindenschrift gezügelt, die Gedichte sind in einem vergleichsweise ruhigen, fast monologischen Ton gehalten, der keine schreiende Empörung, sondern eher kühle Kritik zum Ausdruck bringt und darauf bedacht ist, aufmerksam zu machen auf die Bequemlichkeit der Menschen, die sich lieber im dösenden guten Gewissen wiegen, anstatt sich reale Sachverhalte wie atomare Bedrohung und Naturzerstörung bewusst vor Augen zu führen. Beide Themen greift Enzensberger auf und nutzt beispielsweise Naturerscheinungen dazu, Anstöße zur Reflexion zu geben. In dem Gedicht flechtenkunde gilt eine tausendjährige Flechte als Symbol und Gleichnis für einen unerschütterlichen Überlebenswillen. Statt romantischer Naturlyrik wird die Natur zum Lernmodell für Problemerkenntnis und -bewältigung der Menschen. Dabei ist auffällig, dass Teile mancher Gedichte fast idyllisch anmuten, was aber durch kontrastierende Abschnitte wieder zerschlagen werden kann. So wird in den ersten drei Strophen des Gedichts küchenzettel durch Aufzählen alltäglicher Dinge eine Häuslichkeit, eine Art Frieden beschrieben, die durch die Vokabeln der vierten Strophe („klassenkämpfe“, „tränen auf zwiebelbrettern“) in Frage gestellt werden, was die Unmöglichkeit der Idylle vergegenwärtigt.

Die Widmung für Theodor W. Adorno greift dessen Gedanken auf, „geduldig den Schmerz der Negation festzuhalten“ (schwierige arbeit), um die Zufriedenen zu provozieren, die sich in den Eskapismus stürzen, und den Gedanken der verbarrikadierten Zukunft zu unterstreichen. Die lakonische Sachlichkeit der Gedichte, die mit knappen Beobachtungen auskommen, lässt Vergleiche zur Kahlschlagliteratur der Nachkriegszeit zu. Sie zeigen Enzensbergers Bestreben, poetische Nüchternheit zu wahren, die nicht mit Zorn, sondern nur mit den knappen Worten, die nicht mehr hergeben, als das, was sie sind, Stimmung erzeugt (z.B. nänie auf den apfel, das Ähnlichkeiten zu Günter Eichs Inventur aufweist). Der wortkarge Schreibstil macht das Lesen der Gedichte scheinbar leicht, folgen die Verszeilen doch häufig dem Duktus des gewöhnlichen Sprechens und überspielen dabei die Unterscheidung zwischen Lyrik und Prosa.

Enzensberger behandelt im dritten Abschnitt (leuchtfeuer) Eindrücke seines Aufenthalts in Norwegen (1960/61), was den Gedichten insgesamt die Anwesenheit des Autors deutlich einschreibt. Es werden vereiste Buchten beschrieben (historischer prozess), nördliche Abende (erinnerung an die sechziger jahre) und das Anlegen eines Schiffes in einem nördlichen Hafen (hurtigrute). Nach eigener Aussage brauchte Enzensberger die häufigen Ortswechsel, um die Fixierung an die Problematik deutscher Gegenwart und Vergangenheit zu lockern und aus kritischer Distanz arbeiten zu können. Auffallend sind Gedichte wie kirschgarten im schnee und wollgras am düsteren wasser, in denen Enzensberger den mahnenden, provokanten Ton vollkommen beiseite legt und die Welt von ihrer scheinbar harmlosen Seite zeigt. Die wenigen politischen Gedichte (z.B. karl heinrich marx und purgatorio) demonstrieren die mit Adorno gewonnene Einsicht, dass der Auftrag des Gedichts darin besteht, „sich jedem politischen Auftrag zu verweigern“, gepaart mit der Erkenntnis, dass politisches Engagement in der Poesie nur wenig Einfluss auf das politische Geschehen hat. Dennoch setzt sich Enzensberger über seinen geistigen „Mentor“ Adorno hinweg, indem er dessen Auffassung, nach Ausschwitz könne kein Gedicht mehr verfasst werden, nicht teilt. blindenschrift blieb für lange Zeit (bis zu Mausoleum von 1975, nur mit Ausnahme des Auswahlbandes Gedichte 1955-1970 von 1971) Enzensbergers vorerst letztes Gedichtbuch.



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