Aussichten auf den Bürgerkrieg

Hans Magnus Enzensberger: Aussichten auf den Bürgerkrieg. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993.

Umschlag

Von der Leichtigkeit, die man diesem Schriftsteller nachsagt, ist in Enzensberger vorliegender Arbeit Aussichten auf den Bürgerkrieg kaum etwas zu spüren. Vielleicht liegt es ja daran, dass er dieses Buch unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges geschrieben hat. Sein Versuch, ein moralisches und politisches Minenfeld zu erkunden, spricht von quälendem Ernst.

Mit der wachsenden Globalisierung und der Verfestigung politischer Routinen wächst auch die Zahl der Verlierer in den Gesellschaften, die – so der Autor – sich dann aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen fühlen und im Extremfall zu Vandalismus und Konfrontation mit Mitmenschen und staatlichen Institutionen neigen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch international sieht Enzensberger einen Wandel: Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht, noch nie war die Zahl der Bürgerkriege so groß und die der funktionierenden Staaten so gering. Auch in den Metropolen, den Zentren des Kapitalismus, so lautet Enzensbergers These, habe der molekulare Bürgerkrieg bereits begonnen. Das Gemeinsame aller Bürgerkriege ist der Autismus der Gewalt militanter Gruppen, deren Neigung zur Selbstzerstörung und zum kollektiven Amoklauf. Überfordert sind nicht nur Einzelne, sondern auch die politischen Systeme, die im Umgang mit diesen Konflikten versagen.

Enzensbergers Argumentation ist stimmig, die Beschreibung der Situation realistisch und für jedermann verständlich. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass er sich zu sehr in pessimistischen Visionen verfängt und sich zuwenig Gedanken macht, wie Abhilfe zu schaffen wäre. Er ist an den Details dieser Bürgerkriege nicht interessiert und behandelt sie alle wie ein einziges Phänomen. Bereits am Anfang der Auseinandersetzung mit diesem Thema bemerkt er: „Was dem Bürgerkrieg der Gegenwart eine neue, unheimliche Qualität verleiht, ist die Tatsache, dass er ohne jeden Einsatz geführt wird, dass es buchstäblich um nichts geht." (S. 35) „Der Bürgerkrieg kommt nicht von außen, er ist kein eingeschleppter Virus, sondern ein endogener Prozess. Begonnen wird er stets von einer Minderheit; wahrscheinlich genügt es, wenn jeder Hundertste ihn will, um ein zivilisiertes Zusammenleben unmöglich zu machen.“ (S. 19) Weiter spricht er von einer neuen Ent-wicklung dieser Bürgerkriege: Was anderswo geschah, wusste man früher nur vom Hörensagen, heute sind die Täter gerne bereit, ein Interview zu geben, und die Medien sind stolz darauf als Erste dabei zu sein. Enzensberger sieht hier eine neue Gewaltkultur, das Massaker ist zur Massenunterhaltung geworden. Realität und Film sind kaum zu unterscheiden, und die Täter können sich in der Presse selbst bewundern, gewinnen an Prestige und finden neue Anhänger. Enzensbergers pessimistische Sicht zeigt sich nochmals deutlich anhand der letzten Szene. Er spricht den Sisyphos-Mythos an: „Später musste er (Sisyphos), zur Strafe für seinen Menschenverstand, einen schweren Stein bergauf rollen, immer wieder. Dieser Stein ist der Frieden.“ (S. 93).



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