Allerleirauh

Inhalt der Erstausgabe

Keineswegs wahllos aneinander gereiht, sondern wohl durchdacht hat Enzensberger die Reime angeordnet. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis läßt die Marschrichtung erkennen. Die Anordnung ist dem Heranwachsen eines Kindes angepasst. Und jedes Kapitel beginnt mit seinem schön dekorierten Titel (siehe Materialien).

Begonnen wird mit Erste Spiele (S. 9-28). Hier finden sich Reime für Kleinkinder, die meistens die Körperteile wie Hand, Gesicht und Finger betreffen und in ihr Reimspiel mit einbeziehen. Beispiel: Fingerspiel (S. 14). Zum Verständnis der Reime und wie man sie damals aufsagte und dabei handelte, hat Enzensberger in kleinerer Schrift Anmerkungen an die entsprechenden Stellen gesetzt. Diese Anmerkungen bzw. Erklärungen ziehen sich durch das gesamte Buch.

Auf die ersten Spiele folgt Zu Tisch, zu Bett (S. 29-55). Hier finden sich hauptsächlich Tischgebete, mit denen die Kinder damals früh vertraut gemacht worden sind. Man erfährt viel über die Speisevorlieben der damaligen Menschen und über ihr tägliches Leben (S. 36f). An der Häufigkeit der verwendeten Worte wie Engel, Gott und dem Dank und Lob an diesen wird besonders die damalige Frömmigkeit deutlich. Auch finden hier Schlaflieder platz (S. 55/63) und darüber hinaus wird auch Kindererziehung thematisiert (S. 52).

Den Titel Kniereiter (S. 57-81) trägt der nächste Abschnitt. Wer kennt nicht Hoppe Hoppe Reiter? Dieser und dergleichen Reime sind in diesem Kapitel versammelt.

Das Kapitel Entdeckungen (S. 83-107) enthält Gelegenheitsgedichte, die im Tun erzählt werden können, zum Beispiel beim Pfeifenstopfen (S. 83f). Darüberhinaus erklären diese Reime dem Kind die Welt. Es werden Insekten, Vögel und andere Tiere behandelt. Dazu gibt es besonders schöne Holzschnitte zu sehen.

Jahreszeiten (S. 109-127) macht das Kind durch Reime wie Drei Rose im Garte (S. 111) mit den Jahreszeiten und deren typischen Merkmalen bekannt. Neben Sommer und Winter fehlen hier natürlich Feste wie Fastnacht, Nikolaus und Weihnachten auch nicht.

Schabernack (S. 129-189) – das längste Kapitel – beschreibt Berufsstände und spielt liebevoll mit Klischees. Hier findet sich auch das beliebte Backe, backe Kuchen (S. 135).

Als nächstes kommt Kluge Sachen (S. 191-218). Hier wird die Zähl- und Buchstabierkunst der Kinder erprobt, neben Rätseln (S. 196f) finden sich sogar Fremdwörter und allerlei Kauderwelsch hier großer Zahl.

Viele Auszählreime und Spielereien finden sich im Kapitel Bicke backe bei (S. 219-233). Die Kinder sind nun in einem Alter, in dem sie auf ihren eigenen Beinen stehen und selbstständig untereinander interagieren. Und auch hier finden sich erneut wie schon im vorangegangenen Kapitel einige von Enzensberger eingefügte Anleitungen, wie man die Spiele richtig spielt (S. 222 / S. 231).

Ringelspiel (S. 235-251) zeigt, dass die Kinder gerne Rollenspiele spielten. Mann und Frau, Braut und Bräutigam und dergleichen.

Blaue Wunder (S. 253-291) kann man in diesem Abschnitt bei den zahlreichen Kettenreimen, die bis ins Unendliche gehen können, Lügenmärchen und der Kinderpredigt erleben. Hier findet sich jede Menge Unfug, die Erzählung Vom Schlaraffenland ist nur eine davon.

Das letzte und zweitlängste Kapitel Erzählchen und Balladen (S. 293-345) enthält viele verschiedenartige Geschichten. Haarsträubendes findet sich neben Lustigem und Gräßliches neben Traurigem. Vielen dürfte die Geschichte der Zehn kleinen Negerlein (S. 307) und der Vogelhochzeit (S. 324) bekannt sein.

Meiner Meinung nach, hat Enzensberger mit diesem Buch ganze Arbeit geleistet und sicherlich einen großen Fundus der schönsten Kinderreime aufgeführt. Allerdings stellt sich aus heutiger Sicht – 45 Jahre nach Erscheinen dieses Werkes – die Frage nach der Nützlichkeit eines solchen Buches. Ich aber glaube, dass es gerade heute mehr denn je einen Platz im Kinderzimmer verdient hätte. Scheinen doch die Kinderreime leider immer mehr aus den Kinderstuben zu verschwinden und den neuen Medien weichen zu müssen.