Allerleirauh

Allerleirauh. Viele schöne Kinderreime. Versammelt von Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1961. 384 Seiten.

Buchumschlag der Erstausgabe
Allerleirauh. Viele schöne Kinderreime ist 1961 als gebundene Ausgabe im Suhrkamp Verlag erschienen. Bei diesem Werk zeigt sich Hans Magnus Enzensberger als Sammler verantwortlich. Das aufwendig gestaltete Buch enthält 777 von Enzensberger versammelte Kinderreime, die mit 391 alten Holzschnitten in Szene gesetzt wurden, welche Enzensberger persönlich ausgesucht und den einzelnen Reimen sinngemäß zugeordnet hat. Zum leichten Verständnis und der Übersichtlichkeit dienlich wurde das Buch in Garamond Antiqua und in ausreichender Größe gesetzt. Maße: 230mm x 135mm x 35mm.
Das Buch ist in der ersten Auflage als dunkelblaues Hardcover mit hellem Umschlag erschienen. Die sechs Holzschnitte, die auf diesem abgedruckt sind, sind ein Blickfang und lassen bereits erahnen, worum es in diesem Buch geht. Die zweite Auflage aus dem Jahre 1962 ist ebenfalls als Hardcover erschienen, dieses Mal allerdings ohne Umschlag. Das Artwork ist identisch, zeigt nur dieses Mal auch auf der Rückseite sechs Holzschnitte. 1974 erschien das Buch auch als Taschenbuch und wies ein völlig anderes Coverartwork vor (Siehe Materialien).

Allgemeines:
Titel und Inhalt des Buches scheinen auf den ersten Blick nicht gut zueinander zu passen: Während es sich bei Allerleirauh um ein Märchen aus der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm handelt, enthält das Buch kein einziges wirkliches Märchen, sondern nur Kinderreime. Allerdings ist die Bezeichnung "Allerleirauh", die sich auf den Mantel der Prinzessin aus dem Grimmschen Märchen bezieht, der aus allerlei Rauhwerk (Pelz) besteht, für das Buch trotzdem sehr passend, da sich in ihm ja auch allerlei der verschiedensten Kinderreime tummeln.
Nach der Widmung „Dagrun und Tanaquil zuliebe“, die Enzensbergers Frau und seiner Tochter zugedacht ist, beginnt das Buch wie es endet: Mit einem Zitat. Zu Beginn wählte Enzensberger einen Auszug aus Grimms Allerleirauh am Ende steht der Reimspruch:

Dieses Buch das ist mir lieb
Wer´s mir nimmt der ist ein Dieb.
Wer mir´s gibt der ist mir recht
Wer´s nicht will der kennt es schlecht.

In seinem umfangreichen Nachwort (S. 349 bis 364 einschließlich der Danksagung), legt er die Gründe, warum er ein solches Buch machen wollte, offen. Sein Nachwort ist in die Kapitel "Herkunft", "Fortleben", "Überlieferung", "Absicht", "Auswahl", "Textgestalt", "Gliederung" und "Illustration" sowie die Danksagung untergliedert.

Herkunft (S. 349-350): Enzensberger preist die Kinderreime als prima poesis eines jeden Menschenlebens, versucht ihren Ursprung nachzuzeichnen und unterstreicht gleichzeitig ihren enormen Wert und Poesiegehalt, der jedem einzelnen bereits in frühen Kindertagen die Poesie - gleich einem Lebensmittel – zu jeder Zeit in die Wiege gelegt habe. Und dieser Wert bleibe unberührt, auch wenn ihr Ursprung ungewiß sei, auch wenn der Kinderreim vielleicht gar nicht immer Kinderreim war, sondern eventuell Rätsel, Flugschrift, Soldaten- oder Trinklied, Ballade oder Brauchtum. Der Kinderreim verzehre, was ihm gefällt, und sorge so für sein immerwährendes Leben schon seit Jahrhunderten. Um seine Argumentation zu untermauern belegt Enzensberger sie mit Zitaten aus der Bibel (Lukas 7,32), aus der ersten deutschen Niederschrift eines Kinderreims durch Gotfrid von Nîfen, aus der "Edelstein" benannten Sammlung des Dominikanermönchs Ulrich Boner und einigen anderen sowie durch ein Zitat des Engländers Peter Opie, einem Experten auf dem Gebiet der Erforschung von Kinderreimen.

Fortleben (S. 351-355): Enzensberger bewundert den unzerstörbaren Charakter der Kinderreime, stellt sie dem Volkslied gegenüber und wagt einen Rückblick und Vergleich. Hat doch schon so vieles für unzerstörbar gegolten und wurde zum Ewigen Vorrat deutscher Poesie gezählt, was heute niemand mehr kenne. Er stellt fest, dass seit dem Verfall der „gebildeten Stände“ eine jede literarische Tradition für uns problematisch sei. Das bürgerliche Zeitalter habe schnell bemerkt, dass Poesie nur etwas für Auserwählte sei. Zur Zeit der Romantik habe man aber geglaubt, sich durch die Natur- und Volkspoesie die Poesie überhaupt dennoch zu eigen machen zu können. Enzensberger zitiert Achim von Arnim aus dessen Werk Von Volksliedern, der glaubte, dass der Verfall von Volksgut und das Nichtvorhandensein einer Volkspoesie auf den Verfall des Volkes selbst zurückzuführen seien. Dadurch dass zum Beispiel allein die Gelehrten das Volksliedgut übernahmen, es aber nicht verstanden, sei es zugrunde gegangen. Aber ebenso war Arnim davon überzeugt, dass man sogar den Riß der Welt, "aus dem die Hölle uns angähnt", wieder stopfen könne, indem man die noch lebenden Töne auferstehen lasse.
Enzensberger konstatiert nüchtern, dass Arnims Zuversicht ihn getrogen habe und der Riß durch seine Sammlung keineswegs gestopft wurde, da heutzutage das Volkslied ausgestorben sei. Zwar habe sich die Nachwelt, wie die der Industriellen Revolution, an den alten Liedern gelabt, aber sie gleichermaßen wie eine Mumie konserviert, es habe Stillstand geherrscht. Das Volkslied sei nur als Kontrast zum Bestehenden genossen worden, wurde so zum Vehikel eines poetischen Tourismus in die Vergangenheit; und so sei sie schließlich versunken. Den Todesstoß habe dann die Hitlerjugend dem Volkslied versetzt, als sie es adaptierte und zu Tode schrie.
Dem Kinderreim aber sei es ganz anders ergangen. Folgende Gründe dafür seien naheliegend: Da der Kinderreim keinen Auftrag gehabt habe, da er auf keinen Stand angewiesen gewesen sei und keinen Unterschied zwischen seinen Benutzern gemacht habe und jeder Ideologie gegenüber aufgrund seines anarchischen Humors standhaft geblieben sei, habe er eine eigenartibge Immunität erlangt. Wer ihn im Munde führte, habe somit zur klassenlosen Gesellschaft gehört, habe sich respektlos verhalten und sich über Gott und die Welt lustig machen können. Autorität sei ihm Fremdwort gewesen und dies habe er auch Eltern und Lehrer fühlen lassen.
Dann zählt Enzensberger die Eigenschaften des Kindereims auf: Reichtum imponiere ihm nicht, Armut schüchtere ihn nicht ein, von Geld und Besitz rede er realistisch, unverblümt und auch verächtlich, bewundernswert sei seine Standhaftigkeit gegen Bevormundung und Zensur durch Erwachsene und gelassen habe er die Veränderung der Gesellschaft ertragen. Außerdem zweifele er nicht an sich selbst, sei selbstbewusst und habe damit auch noch recht; schießlich, so Enzensberger, sei er heute die einzige poetische Form, deren Nutzen auf der Hand liege; er werde nämlich gebraucht, da er dem Kinde kunstvoll dazu verhelfe, sich in der Welt einzurichten. Und daher komme ihm die Würde eines Gebrauchsgegenstandes zu, seine Härte, seine Festigkeit, sein Eigensinn und seine Lebenskraft. Zwei Weltkriege, enorme Bevölkerungsumschichtungen, technologische Veränderungen bis in den letzten Winkel des Alltags hätten dem Kinderreim doch nichts anhaben können.
Zur Untermauerung seiner Argumente zieht Enzensberger Ruth Lorbes Untersuchungen in ihrer Abhandlung Das Kinderlied in Nürnberg heran, die belegen, dass die Verbreitung des Kinderreims eher zu- als abgenommen hat, und das ohne Subventionen oder kulturelles Fischbein.
Enzensberger behauptet sogar, dass die Gedichtschreiber des zwanzigsten Jahrhunderts bis heute (1961) um die Charaktereigenschaften des Kinderreims gewusst und sich an ihm bedient hätten. Und er zählt sie alle auf: Elliot, Cocteau, Sitwell, Supervielle, Brecht, Ringelnatz, Breton, Jacob, Desnos, die Dada-Väter, Arp, Mistral, Garcia Lorca, Soupault, Tardieu, Tuwim, Fried, Weyrauch, Rühmkorf und Grass. Was reizt einen neuzeitlichen Poeten an den alten Reimen? Wahlverwandtschaften zwischen dem Kritzeln und Malen der Kinder und den Produktionen der modernen Kunst, meint Enzensberger aber nicht. Auch schließt er aus, dass man sich auf die Kinderreime als Autorität berufen wolle oder könne. Er glaubt vielmehr, dass das schöne und zähe Leben des Kinderreims die Gedichtschreiber von heute fasziniere und so den vertraulichen Umgang mit ihm rechtfertige, ja, dass sie sich für ihre Gedichte dasselbe Leben wünschten. Schließlich sei der Reim überall bekannt, gebe keinen Preis, nehme aber auch keinen und habe keinen Preis. Er wäre das wahre Leben eines Gedichts.

Überlieferung (S. 355-356): In einem Zeitalter, in dem man alles nach Belieben archivieren und vervielfältigen könne, sei es ja schon fast nicht mehr vorstellbar, dass sich die Reime früher größtenteils durch Mundpropaganda überliefert hätten, so Enzensberger. Wer aber habe denn wem diese Reime erzählt? Sicherlich nicht nur die Kinder sich gegenseitig. Vielmehr geht Enzensberger davon aus, dass das, was man sich in Kindertagen einprägte, lange haften bleibe. So hätten wohl die Eltern ihren Kindern die Geschichten, die sie selbst früher erzählt bekommen haben, weitererzählt. Eine große Rolle müsse hierbei gerade den Großeltern zugesprochen werden, die sich früher zumeist um die Kleinsten der Familie kümmerten. Die fast wortgetreue Überlieferung über lange Zeiträume aber sei den Kindern und ihrem unstillbarem Verlangen nach Redundanz zu verdanken, da diese es genauer nähmen als jeder Philologe.
Nach dieser Feststellung schenkt Enzensberger der ersten gedruckten Sammlung deutscher Kinderreime, dem Werk von Achim von Arnim und Clemens Brentano Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder seine Aufmerksamkeit. Voller Ehrfurcht lobt Enzensberger dieses großartige Werk, welches in seinen Augen bereits von historischer Reflexion geprägt und vom Pathos des Bewahrens durchdrungen sei. Eigentlich sei es auch kein Buch für Kinder.
Allerdings geht Enzensberger auch weiter in der Zeit zurück. Die wunderschön geschmückten englischen chapbooks, zu deutsch Volksbücher, die zwischen 1750 und 1850 den Kindern verkauft wurden, seien auf dem Kontinent ohne Vergleich geblieben. Der Aufklärung, mit Ausnahme der barocken Zeiten, seien die Kinderreime nicht philiströs genug gewesen. Deswegen sei die frühe deutsche Kinderliteratur zwar erbaulich und belehrend, aber gleichermaßen auch kleinbürgerlich, bieder und enthielte keine Spur von Poesie. Die Überlieferung im Druck in Deutschland, so Enzensberger, habe man der romantischen Bewegung zu verdanken. Erst durch sie seien den Leuten Kinderreime in unserem Land nahegebracht worden. Plötzlich hätten sich Germanisten, Volkskundler und Heimatforscher ans Sammeln gemacht. Insgesamt seien etwa fünfzigtausend Nummern erhalten geblieben. Enzensberger nennt viele der heute längst vergessenen Sammler in seinem Quellenverzeichnis. Aber wenn diese auch eifrig gesammelt und katalogisiert hätten, an die Kinder hätten sie dabei nicht gedacht, so der Verfasser. Abgesehen vom Wunderhorn und Karl Simrocks Deutschen Kinderbuch habe bis zur Jahrhundertwende keine deutsche Sammlung Rücksicht auf die genommen, denen der Kinderreim doch eigentlich gehöre – nämlich auf die Kinder. Kein Kind habe ein Buch der – wie Enzensberger sie nennt – trefflichen Forscher in die Hände genommen und das wahrscheinlich, weil sie alle unbebildert gewesen wären.

Absicht (S. 357): Hier gibt Enzensberger Auskunft über die Absichten, die er mit Allerleirauh verfolgt. Es soll kein Thesaurus, kein Wörterverzeichnis aller Kinderreime sein, es sei in erster Linie Kindern und deren Eltern zugedacht. Es solle als ein handliches Requisit seinem Leser und Betrachter Freude bringen. Schließlich sehe sich jedes Kind in seinem Leben als erstes mit einer Sammlung von Kinderreimen konfrontiert und sie verschafften ihm Spaß. Zwar komme das Vorlesen immer vor dem Lesen und so sei der Text des Buches zunächst für die Eltern bestimmt, aber für die Kinder halte Allerleirauh ja genügend Bilder dessen bereit, was es von seinen Eltern zu hören bekommt. Und könne es erst einmal selbst lesen, dann füge es Bild und Text eigenständig zusammen.
Jeder kenne die Reime in- und auswendig und deshalb benötige der Kindereim auch kein Denkmal und keinen Konservator, so Enzensberger. Seien sie doch die weitverbreitesten Texte, die es in gebundener Rede gebe. Er glaubt, Mariechen saß auf einem Stein sei bei uns sicherer aufgehoben als die Marienbader Elegie. Die Kinderreime seien also sogar bekannter als die berühmtesten Gedichte der Welt.

Auswahl (S. 358-359): Hier formuliert Enzensberger die Fragen, die er sich wohl selbst vor Entwurf dieses Buches gestellt hat. Wie soll man am besten vorgehen? Woran bestimmt sich, welche Reime zu wählen sind? Klar ist, dass die Sammlung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben will, aber genau deswegen sehe man sich dem Problem der Auswahl gegenübergestellt. Enzensberger sieht darin das tiefere und ihm unbehaglichere Problem, Kritik üben zu müssen, und stellt sich deshalb die Frage, ob Kinderreime überhaupt Gegenstand von Kritik sein können. Er fragt nach den Maßstäben dieser Kritik. Auch zweifelt er daran, ob ein literarisches Urteil über Reime, die poetisch sind und ein vorliterarisches Leben haben, überhaupt haltbar sein könne. Mit diesen offenen Fragen läßt er den Leser zurück und stellt nur die offensichtlichen Merkmale der deutschen, französischen, italienischen, spanischen, norwegischen und dänischen Reime einander gegenüber. Die deutschen Reime charakterisiert er dabei als plump und unförmig, dennoch als rustikal, starkfarbig und herzhaft. Dann geht der Verfasser ins Detail seines Auswahlverfahrens.
Kindereime, die nur wiederholten ohne zu fördern, die vermehrten ohne zu bereichern, oder solche, die bloß eintönig leierten ohne zu beschwören, wurden gleich aussortiert. Dann galt es, auch sogenanntes Schmugglergut zu vermeiden. Dazu gehörten Kindergartenlieder meist religiösen Inhalts, die extra von Eltern zu manipulativen Zwecken gedichtet worden seien.
Moralischer Natur war Enzensbergers Auswahlkriterium nicht. Er hat auch – in den Augen mancher - gotteslästerliche Reime aufgenommen. Was dem besorgten Pädagogenblick dreist oder bösartig vorkommen mag, sei meistens weiter nichts als unbestochene Wahrnehmung.
Nach Enzensberger könne auch die Logik bei der Auswahl nicht helfen. Man möge zwar das Kinderchinesisch mancher Abzählverse als Nonsense abtun und mit Unbehagen beobachten, Enzensberger jedoch heißt die verkehrte Welt, das Lügenmärchen und eben den Kinderreim herzlich willkommen, und das spiegelt sich auch in der Auswahl der Texte wider.
Am Ende bleibt als wichtigstes Kriterium die schlichte Kategorisierung in gute und schlechte Reime. Denn die gebe es, und das wisse schließlich jedes Kind, so der Verfasser. Es mache also weniger der perfekte fehlerlose Strophenaufbau, noch die technische Vollkommenheit den poetischen Wert eines Reimes aus, nein, es sei die Tatsache, ob der Reim eine Entdeckung bringe. Mag sie sich nun zeigen als ein Aufglänzen in der Sprache, im Rhythmus oder im Gesumm der Wörter, stets galt es dafür Enzensberger zuzugreifen. Er beschließt diesen Abschnitt mit der Erkenntnis, gut sei, was den Kindern Welt als Sprache zutrage und kenntliche mache. Denn dann sei jede Silbe eine Überraschung und ein winziges Wunder.

Textgestalt (S. 359-361): Hier skizziert Enzensberger die Entstehung der Reime und ihre Verschriftlichungen. Da Reime wie Märchen hauptsächlich mündlich weitergegeben wurden, könne es keine historisch-kritischen Edition von ihnen geben. Zwar solle Philologie im Spiel sein, aber nicht das letzte Wort behalten. Durch die mündliche Überlieferung hätten sich verschiedene Versionen einiger Kinderreime und Märchen entwickelt. Vor diesem Problem standen seinerzeit auch die Brüder Grimm. Enzensberger beschreibt ihre Arbeitsweise so: Die Gebrüder hätten sorgfältig zuhören müssen, um das Reinere, das Vollkommenere herauszuhören, es gegebenenfalls zusammenzufügen oder sich für das Bessere zu entscheiden. Enzensberger ist allerdings der Meinung, dass nicht die Treue zur Vorlage die entscheidende Instanz sei, sondern das Ohr. Außerdem gebe es ja von einigen Reimen dutzende Varianten, daraus müsse man die reichste wählen. Man müsse zudem melodisch erloschene oder rhythmisch verstümmelte Zeilen wieder zum Leben erwecken. Wenn allerdings zwei Varianten ein und desselben Reims sich sehr stark unterschieden, wurden beiden genommen. Dies komme vor allem bei den Wanderstrophen und den Kniereiterversen vor.
Nun kommt Enzensberger wieder zu seiner Arbeitsweise zurück: Da die Mundart nirgends hochdeutsch reguliert worden sei, die Reime jedoch über ganz Deutschland verteilt waren, habe man sich für die überall verständliche Variante eines Reimes entschieden und nicht für die dialektisch gefärbte. Man habe auch auf möglichst genaue Lautumschrift der einzelnen Mundarten und ihrer Färbungen verzichtet, da diese ohne diakritische Zeichen ohnehin nicht zu erreichen gewesen wären. Und außerdem hätten alte Sammler sowieso schon behutsam eingegriffen. Enzensberger wollte, dass die Orthographie eher ausgleichend als beengend wirke, dabei aber niemals den Rhythmus nivelliere.
Dennoch finden sich in der Sammlung einige Reime – wenn auch in der Minderzahl - die einem ganz bestimmten Dialekt angehörten. Sie haben ihren Ursprung in den Randgebieten der deutschsprachigen Länder, in der Schweiz oder im Niederdeutschen. Es war dem Verfasser ein Bedürfnis, diese Gegenden nicht unterrepräsentiert zu lassen. Außerdem ist er der Meinung, dass Mundarten, wenn sie der unserern nicht allzu entfernt seien, ohne Probleme verstanden werden könnten. Halbverstandenes werde einfach adaptiert und umgedichtet, phonetische Unterschiede schliffen sich aus und die Orts- oder Personennamen würden vergessen oder eingebürgert.

Gliederung (S. 361-362): Aufgrund ihrer souveränen und anarchischen Phantasie sowie ihrer buntscheckigen Vielfalt seien alle Versuche, Kinderreime in historische, landschaftliche, formale, thematische oder funktionale Kategorien einzuordnen, fehlgeschlagen. So entschied sich der Verfasser, eine pädagogische Denkungsart ins Spiel kommen zu lassen und ordnete die Reime in 11 Kapiteln an nach dem Motto; "Das Leichte gehört an den Anfang, das 'Schwierige' an den Schluß". Man kann also sagen, die Reihenfolge wurde dem Bedarf angepasst. Es beginnt für Kleinkinder mit Erste Spiele, dann folgt für die älteren Kinder Zu Tisch, zu Bett und Kniereiter. Und wenn das Kind sich auf die Reise nach Entdeckungen macht, ist es auch schon wieder älter usw.

Illustration (S. 362-363): Hier legt Enzensberger die Quellen der Holzschnitte offen. Zuerst verdeutlicht er, warum er sich überhaupt für eine Illustration von Allerleirauh entschieden hat und warum die Wahl dann nicht auf Fotographien oder bunte Bilder, sondern auf schlichte Holzschnitte fiel. Bücher ohne Bilder seien langweilig, das wisse jedes Kind. Farbfotos ließen keinen Platz für Einbildungskraft, da sie ja alles schon zeigten. Mit einem Zitat von Walter Benjamin bekräftigt er die Entscheidung für den Holzschnitt. Dort heißt es nämlich, dass diese in den Kindern durch die zwingende Aufforderung zur Beschreibung das Wort wachriefen und dass es an ihnen zugleich mit der Sprache die Schrift: Hieroglyphik lerne.
Da es aber keine Bilder oder Illustrationen zu den Kinderreimen in deutschen Sammlungen gebe, griff Enzensberger auf die umfangreichen Sammlungen aus England zurück. Die sogenannten chapbooks, die ein Jahrhundert lang den nursery rhyme, zu deutsch den Kinderreim, populär machten, waren reich mit Holzschnitten versehen. Hier habe er sich nach Lust bedienen können. Wähend die meisten Künstler namentlich nicht mehr bekannt seien, gelte doch ein enormer Dank einem gewissen Thomas Bewick (1753-1828), der den Großteil der Holzschnitte angefertigt habe, und seinem Bruder John.

Danksagung (S. 364): Sie ist gerichtet an die bereits vielzitierten Achim von Armin und Clemens Brentano, die er zu den „eigentliche(n) Entdecker(n) des deutschen Kinderreims" erhebt. Aber neben diesen geschichtlichen Vorbildern geht sein Dank ebenso an Iona und Peter Opie, deren Oxford Nursery Rhyme Book für Allerleirauh mustergültig war, sowie an deren Verlag Clarendon Press in Oxford. Ferner drückt er der Bibliothek und dem Photographischen Dienst des Britisch Museums, Ruth Lorbe stellvertretend für die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg und dem Londoner Mr. Leslie Shepard seine Dankbarkeit aus. Er schließt seine Danksagung – wie könnte es anders sein – mit einem Reim:

Wir wünschen euch allen einen goldenen Wagen,
damit ihr könnt ins Himmelreich fahren.
Wir schreiben euch auf ein Lilienblatt:
Gott geb euch all eine gute Nacht!“

Für Nachwort, Register und Quellenverzeichnis wurde die Schriftart der Verssammlung beibehalten, jedoch verkleinert. Im Register sind die enthaltenen Kinderreime in alphabetischer Folge aufgeführt, was ein Suchen nach expliziten Reimen vereinfacht. Und auch hier reißt die aufwendige Illustration nicht ab: Die jeweiligen Initialen sind größer gesetzt und aufwendig verziert, zumeist mit Personen des alltäglichen Lebens, welche die für ihren Berufsstand typischen Handlungen vollziehen: zum Beispiel der Jäger mit dem Bogen, die Waschfrau mit der Wäsche, der Reiter auf dem Pferd und so weiter. Das Register umfasst 12 Seiten. Dem Register folgt das Quellenverzeichnis. Dieses, ebenfalls alphabetisch sortiert, listet alle Quellen, aus denen sich Enzensberger für sein Buch bedient hat, auf. Es umfasst fünf Seiten.

Vera Blaszkiewicz
2006

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