Ach Europa! Wahrnehmungen aus sieben Ländern.

Hans Magnus Enzensberger: Ach Europa! Wahrnehmungen aus sieben Ländern. Mit einem Epilog aus dem Jahre 2006. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987.

Umschlag

Der Essay-Sammelband Ach Europa! von 1987 beruht größtenteils auf Reportagen für Rundfunkanstalten (Süd- und Norddeutscher Rundfunk, Sender Freies Berlin), Verlage und Zeitschriften (Die Zeit, Dagens Nyheter, L’Espresso, El Pais, Universitetsforlaget Oslo). In ihrem Auftrag hatte Enzensberger in den achtziger Jahren die Gelegenheit, sich für längere Zeitspannen in, wie der Untertitel des Buches es bereits andeutet, sieben europäischen Ländern umzusehen. „Um Frankreich, Großbritannien und die Bundesrepublik, also die sich als europäische Kernmacht verstehenden Länder, wie auch um die Euro-Zentrale Brüssel macht Enzensberger einen großen Bogen, so als zählte das alles nicht zu seinem Begriff von Europa. Zugehörigkeit zur damals noch EG genannten EU oder nicht ist für ihn kein Kriterium bei der Auswahl der aufzusuchenden Länder. Ja, nicht einmal der eiserne Vorhang konnte ihn aufhalten.“1 So bereiste Enzensberger auch Polen und Ungarn, die 1987 noch zum sowjetisch dominierten, sogenannten Ostblock gehörten.

Die einzelnen Essays setzen sich zusammen aus Alltagsbeschreibungen, Gesprächswieder-gaben und Zitaten. Enzensberger versucht an Einzelheiten das Wesentliche begreifbar zu machen. Der narrative Charakter der Beiträge, die Episierung des Reportagestils, bewirkte nach Meinung zeitgenössischer Kritiker, dass die Reiseberichte „wie essayistische Posen, die ihren Gegenstand anschaulich machen sollen“, erschienen, daß „aber zugleich das Erzählte zur anekdotische Exempelgeschichte didaktisiert“2 wurde.

Der erste Essay, Schwedischer Herbst, ist der Hegemonie der sozial-demokratischen Partei im Wohlfahrtsstaat Schweden gewidmet. Staatliche Wohlfahrtsinstitutionen, die es für alle erdenklichen Zwecke in allen Städten gibt, betreiben eine Art Zentralsteuerung der schwedischen Gesellschaft. „In der Wertschätzung des Autors rangiert Schweden ganz unten, weil es Züge einer Diktatur der Sozialarbeiter angenommen habe, die allen sozialen Wildwuchs sogleich reflexartig ausreissen.“3

Das zweite Kapitel, Italienische Ausschweifungen, beschäftigt sich mit dem als korrupt verrufenen italienischen Rechtssystem. Es gebe in diesem System zu viele widersprüchliche Gesetze, als dass man sich noch auf verbrieftes Recht berufen könnte - und also regiere die Korruption. Ihre Symptome, die man für typisch italienisch hält, wie z.B. „Unregierbarkeit“ und massenhafte Arbeitslosigkeit, seien jedoch im Grunde Probleme ganz Europas. Mit dem Unterschied, dass die Italiener damit besser umzugehen wüßten als andere europäische Länder. „Daher rangiert Italien auf Enzensbergers Sympathieskala an der Spitze.“4

Auch die Essays über Ungarn, Portugal und Polen folgen einer ähnlichen Berichtstechnik. Ob es um den Pseudo-Stalinismus der ungarischen Regierung, das scheinbar stillstehende Zeitbewußtsein der Portugiesen oder das komplizierte Verhältnis von religiöser und politischer Öffentlichkeit in Polen geht: Das jeweilige Land wird mit dem Blick eines, allerdings wohlinformierten Außenstehenden anhand gewisser beobachtbarer und dann auch genau beobachteter Phänomene beschrieben.

Demgegenüber sind die Berichte über Norwegen und Spanien eher im Stil politisch-ökonomischer Analysen gehalten, im Falle Norwegens gerichtet auf die Auswirkungen des plötzlichen Ölreichtums, der dort keineswegs zu einer umfassenden Modernisierung der ganzen Gesellschaft führt, im Falle Spaniens auf die immensen Probleme des dortigen Föderalismus, die große Autonomie der Regionen und ihre wirtschaftlichen und kulturellen Folgen.

Der Epilog Böhmen am Meer ist von einem fiktiven amerikanischen Zeitungskorrespondenten namens Timothy Taylor im Jahre 2006 verfasst und berichtet von der geschlossenen Militärbasis Ramstein, der Explosion eines französischen Atomkraftwerks und dem damit verbundenen Weinmangel, einer Berliner Konferenz zum Artenschutz, wobei die Mauer und der Todesstreifen nach Auflösung der innerdeutschen Grenze als Naturschutzgebiet dienen sollen, von der Verschanzung des ersten Präsidenten der Europäischen Gemeinschaft aus Ratlosigkeit über die Uneinigkeit Europas in der finnischen Einöde, der Einnahme Rumäniens durch Europäer und Amerikaner sowie von Prag, wo eine organisierte Gruppe weiß bekleideter Menschen, genannt Schwärmer, summend durch die Stadt zieht. Es werden also fiktive Aussichten auf die Zukunft geboten, wobei die Verwandlung des Geländes der Berliner Mauer in ein Biotop „ja fast genau der seit 1989 veränderten Realität entspricht.“5

Auch wenn andere Vorhersagen nicht zutreffen sollten, so bliebe doch vieles an dem Blick, den Enzensberger in Ach Europa! auf Europa wirft, noch immer aktuell. Enzensberger besteht nachdrücklich auf Unterscheidungen, während nach „Abschluss der Maastricht-Verträge die Neigung zunimmt, die Euro-Länder mit einer Euro-Sauce zu übergiessen.“6 Es ist nach dem Lesen des Buches dem Leser z.B. kaum mehr möglich, Norwegen und Schweden nur als Teile Skandinaviens zu sehen, wie es ja noch weithin geschieht. Enzensbergers Berichte arbeiten vielmehr die politischen, kulturellen und ökonomischen Differenzen zwischen den porträtierten Ländern deutlich und einprägsam heraus.



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1Lothar Baier: Unbehagen in Europa. Zwei literarische Werke über Europa und seine Zukunft, nach Jahren wiedergelesen. Was ist aus alten Visionen geworden? 02. Oktober 2003. In: WOZLiteratur: http://www.woz.ch/wozhomepage/lit03/enz_wyss.htm" http://www.woz.ch/wozhomepage/lit03/enz_wyss.htm. Zugriff am 13. Februar 2004.

2 Vgl. Korte, Hermann: Hans Magnus Enzensberger. In: Kritisches Lexikon der Gegenwartsliteratur.

3 Baier, Unbehagen.

4 Baier, Unbehagen.

5 Baier, Unbehagen.

6 Baier, Unbehagen.