S. 85                FÜNFUNDZWANZIGSTER GESANG

 

Das letzte Boot, Nummer C, Typ Engelhardt,

steuerbords zu Wasser gelassen,

genaue Uhrzeit: ein Uhr und siebenundvierzig,

sechs Mann Besatzung.

 

5          Steuermannsmaat G. T. Rowe

führt das Kommando, ferner

Pantryman Pearce, Weikman, Friseur,

und drei Heizer. Passagiere:

Gordon Pym, von Beruf Gespenst,

10        J. B. Ismay, Esq., K. B. E., F. R. G. S.,

Reeder des Dampfschiffs Titanic,

Präsident der White Star Line

of America, Inc., Feigling,

Augen wie gläserne Murmeln,

15        Brillantine im Haar. Der Rest

Frauen und Kinder.

Insassen insgesamt: 35,

besondere Vorkommnisse: keine.

 

Erst, als es heller wurde,

20        als ringsum die Eisberge auftauchten

aus der Dämmerung, rosafarben,

erst, als man glaubte,

im Angesicht der sicheren Rettung,

»das Sonnenfeuer sich in den Fenstern

25        von hundert Palästen spiegeln zu sehn«,–

S. 86                erwachte unter den Füßen

der Fünfunddreißig,

auf dem feuchten Boden des Bootes,

ein Bündel aus schlaffem Zeug,

30        regte sich etwas

im schmutzigen Segeltuch,

etwas Nasses, Lumpiges,

wurde lebendig und sprach.

Fünf Chinesen waren es,

35        fünf unbekannte Chinesen.

 

Und bis heute weiß niemand,

wie sie, ohne Namen, ohne Geld,

ohne Papiere, ohne ein einziges Wort

Englisch zu sprechen, an Bord

40        der Titanic gekommen waren,

wann und wie sie das Boot

bestiegen hatten,

und was aus ihnen geworden ist.

 

 

 

 

 

 

Kommentar zum

FÜNFUNDZWANZIGSTEN GESANG

 

 

Z. 1/2: Nummer C, Typ Engelhardt (…) gelassen]

Die Titanic verfügte über insgesamt 20 Rettungsboote, darunter vier Faltboote mit hölzernen Boden, aufklappbaren Segeltuchseiten und jeweils ca. 47 Sitzmöglichkeiten; jedem Faltboot wurde eine Letter zugewiesen: „A“, „B“, „C“ und „D“. Die Faltboot-Typenbezeichnung Engelhardt geht auf den dänischen Konstrukteur Valdemar Engelhardt zurück. Faltboot „C“ war das letzte Rettungsboot, das die Titanic auf Steuerbordseite verließ.


(zurück zum Text)

 

Z. 3: ein Uhr und siebenundvierzig]

Der Abschlußbericht der britischen Untersuchungskommission setzt die Uhrzeit auf 1:40 fest; es ist eine geschätzte Zeit, die sich auf Rekonstruktionsversuche jener Nacht, vor allem auf (sich widersprechende) Zeugenaussagen, stützt – dem Wortlaut des Berichtes zufolge, sind diese Zeugenaussagen „unreliable“. (Siehe British Wreck Commissioner’s Inquiry: Report on the Loss of the ‚Titanic.’ (s.s.). 4. Kapitel: Account of the saving and rescue of those who survived, Abschnitt „The Boats”.)


(zurück zum Text)

 

Z. 4: sechs Mann Besatzung]

Die sechs Männer der Besatzung waren: Steuermannsmaat (engl. ‚quatermaster’) George Thomas Rowe, der auf Befehl des Kapitäns das Kommando über das Rettungsboot „C“ übernahm, der Trimmer Albert Hunt (engl. ‚trimmer’: ein ungelernter Heizer, der Kohle vom Bunker zum Heizraum transportiert), der Heizer (engl. ‚fireman’ / ‚stoker’) Frederick Doel, der Heizer (engl. ‚firemen's messman’) Thomas Knowles, der Zwischendeck-‚Pantryman’ Albert Victor Pearcey (als Pantry bezeichnet man eine Speisekammer auf Schiffen oder Flugzeugen) und der Metzger (engl. ‚butcher’) Christopher Mills.


(zurück zum Text)

 

Z. 7: Pearce]

sic! siehe Anmerkung zu Z. 4. Ob HME willentlich den Nachnamen verfälscht hat, ist unklar.

 

Weikman, Frisör]

August H. Weikman war Frisör auf der Titanic, entkam aber in Faltboot „A“.


(zurück zum Text)

 

Z. 9: Gordon Pym]

Vgl. S. 53, Z. 8 und Z. 54 und S. 71, Z. 15.


(zurück zum Text)

 

Z. 10: J. B. Ismay]

In Faltboot „C“ war Joseph Bruce Ismay neben William Ernest Carter der einzige Passagier der ersten Klasse. Nach dem Tod seines Vaters Thomas Henry Ismay übernahm er im Jahre 1899 dessen Reederei, die White Star Line, zu der auch die Titanic gehörte. Auch nach dem Verkauf (1901) seiner Firma an die amerikanische Reedereiengruppe International Mercantile Marine Company (IMMC) blieb er Direktor der White Star Line; 1904 wurde er zum führenden Direktor und Präsident der IMMC ernannt. 1907 planten Joseph Bruce Ismay und William J. Pirrie, Direktor und Vorsitzender der Harland und Wolff-Werft, den Bau von drei gigantischen Schiffe: die Olympic, die Titanic und die Gigantic (später in Britannic umbenannt). Diese sollten alle bisherigen Dampfer an Größe und Luxus übertreffen, vor allem aber die Olympic-Klasse des Hauptkonkurrenten Cunard Line, der damals die zwei schnellsten und größten Passagierdampfer Lusitania und Mauretania betrieb. Joseph Bruce Ismay wurde nach dem Untergang der Titanic vorgeworfen, Druck auf den Kapitän geübt zu haben, die Titanic mit zu hoher Geschwindigkeit zu fahren.

 

Esq., K. B. E., F. R. G. S.]

Die Abkürzung ‚Esq.’ steht für ‚Esquire’ (engl., Übersetzung etwa ‚Edler’ oder ‚Junker’); vom lateinischen ‚scutarius’ (Schildträger) abgeleitet, wurde es ehemals in angelsächsischen Ländern für Angehörige des Adels und für wappenführende Bürger benutzt. Heutzutage wird der post-nominal gebrauchte Höflichkeitstitel vor allem im formellen oder offiziellen Schrift- und Dokumentenverkehr verwendet, in den Vereinigten Staaten ist ‚Esq.’ der offizielle Titel für Richter und Beamte im Öffentlichen/Staatlichen Dienst.

‚K. B. E.’ steht für den britischen Ritterorden Knight Commander of the Order of the British Empire, der 1917 von Georg V. gegründet wurde; dem Gründungsdatum nach, kann Ismay zum Zeitpunkt der Titanicfahrt nicht diesem Ritterorden angehört haben.

Die post-nominale Nutzung der Abkürzung ‚F. R. G. S.’ steht ausschließlich Mitgliedern der Royal Geographical Society zu, eine britische Akademische Gesellschaft, die 1830 zur Förderung der Wissenschaft Geographie (z. B. Finanzierung von geographischen Explorationen und ihren Publikationen) von John Franklin, John Barrow und Francis Beaufort, unter dem Patronat William IV., gegründet wurde. Daß Ismay Mitglied dieser Gesellschaft war, ist nicht bekannt.


(zurück zum Text)

 

Z. 13: Feigling]

Ismay wurde vorgeworfen, seine moralische Verpflichtung als Direktor der IMMC mißachtet zu haben, indem er sich selbst (im Gegensatz zum Kapitän und zum Konstrukteur der Titanic) in einem der letzten Boote gerettet hat. Der Abschlußbericht erklärt diesen Vorwurf für nichtig: „Mr. Ismay, after rendering assistance to many passengers, found „C” collapsible, the last boat on the starboard side, actually being lowered. No other people were there at the time. There was room for him and he jumped in. (Ismay, 18559) Had he not jumped in he would merely have added one more life, namely, his own, to the number of those lost.” (In: British Wreck Commissioner’s Inquiry: Report on the Loss of the ‚Titanic.’ (s.s.). 4. Kapitel: Account of the saving and rescue of those who survived, Abschnitt „Conduct of Sir Cosmo Duff Gordon and Mr Ismay”.)


(zurück zum Text)

 

Z. 14/15: Augen wie (...) im Haar]

 

 

 

Das berühmteste Studio-Portät von Ismay.

 

Erstveröffentlichung: Thomas H. Russell:

Sinking of the Titanic: the World's Greatest Sea Disaster.

Official edition, 1912.

 

Bild und Text: http://www.encyclopedia-titanica.org/item/2698/)

 

 

 

 

 

 

 

Karikatur vom Profil Ismay.

Erstdruck: Washington Times, 24. April 1912.

 

(Bild und Text: http://www.encyclopedia-titanica.org/ismay_image.html)

 

(Untertitel: J. BRUCE ISMAY, Managing Director of the

White Star Line, Who Was Cursed By Fifth Officer.)

 

 

 

 

 

 


(zurück zum Text)

 

Z. 17: Insassen (...) 35]

Die Insassenzahlen schwanken laut Augenzeugenberichte zwischen 35 und 71 (vgl. British Wreck Commissioner’s Inquiry: Zeugenbefragung Rowe am 15. Tag, Fragen/Antworten Nr. 17643-17654; Zeugenbefragung Pearcey am 9. Tag, Fragen/Antworten Nr. 10415-10418. Außerdem United States Senate Inquiry: Zeugenbefragung Rowe am 7. Tag und Ismay am 1. Tag).


(zurück zum Text)

 

Z. 20: Als ringsum die Eisberge auftauchten]

Einige Augenzeugen berichteten von Eisberg-Sichtungen am nächsten Morgen, so etwa Ismay, der auf die Frage „Did you yourself see any icebergs at daybreak the following morning?“ antwortete: „I should think I saw four or five icebergs when day broke on Monday morning.“ (United States Senate Inquiry: Zeugenbefragung Ismay am 11. Tag ).


(zurück zum Text)

 

Z. 24/25: „das Sonnenfeuer (...) sehn“]

Vgl. S. 27, Z.23/26.


(zurück zum Text)

 

Z. 34: Fünf Chinesen]

(Vgl. auch 4. Gesang.) Sowohl die Zeugenaussage von Rowe als auch von Ismay bestätigen, daß es nur vier Chinesen waren, die in Faltboot „C“ (zuerst unentdeckt, dann bei Tagesanbruch entdeckt) entkamen. (Vgl. British Wreck Commissioner’s Inquiry: Zeugenbefragung Rowe am 15. Tag, Fragen/Antworten Nr. 17647-17652; Zeugenbefragung Ismay am 16. Tag, Fragen/Antworten Nr. 18563-18565) Die vier Chinesen aus Hong-Kong Lee Bing, Chang Chip, Ling Hee und Ali Lam gingen mit vier weiteren Chinesen in Southhampton am 10. April an Bord der Titanic. Alle Acht waren Seemänner auf der Anetta der Donaldson Line und waren auf dem Weg nach New York City. Die Behauptung, daß sie blinde Passagiere der Titanic waren, wurde mittlerweile korrigiert: Sie reisten offiziell als Zwischendeck-Passagiere, jedoch allesamt mit und auf nur einem bezahlten Ticket (Nr. 1601). Außer den in Faltboot „C“ Geretteten, entkam von den acht Chinesen noch Fang Lang in Rettungsboot „14“ wie Choong Foo in Rettungsboot „13“.


(zurück zum Text)

 

Shangning Postel
2007

 

 

 

 

Quellen zum

FÜNFUNDZWANZIGSTEN GESANG

 

— Hess, Harro; Manfred Hessel: Titanic. Das Handbuch. Alles zur Titanic von A - Z. München: Herbig 1999.

— MacCaughan, Michael: Die Geburt einer Legende (The birth of the Titanic, dt.). Entstehung und Bau der Titanic. Bielefeld: Delius Klasing 1999.

— MacCluskie, Tom: Titanic im Detail (Anatomy of the Titanic, dt.). Konstruktionszeichnungen und Originalaufnahmen. Dt. Erstausgabe. Augsburg: Weltbild 1998.

— Titanic Inquiry Project. Electronic copies of the inquiries into the disaster. Complete transcripts of both the US Senate and British Board of Trade, along with their final reports: http://www.titanicinquiry.org/.

— Titanic Passenger and Crew Biographies and comprehensive Titanic History: http://www.encyclopedia-titanica.org/.